Vielleicht siehst du nur, dass jemand still wird – aber nicht, wie laut es in ihm tobt. Das ist emotionaler Rückzug.
- Uta Suhr

- 29. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Jan.
![]() Diese Zeit war keine einfache. Ein Mensch, der mir sehr am Herzen liegt, ist gerade mit alten Wunden konfrontiert – Wunden, von denen man dachte, sie seien längst verheilt. Und dann reicht ein Satz, ein Blick, eine Erinnerung – und plötzlich ist alles wieder da. Die Angst, nicht genug zu sein. Das Gefühl, dass Glück immer für andere bestimmt ist. Und die leise Überzeugung: „Ich darf es gar nicht besser haben.“ Und dann folgt ein emotionaler Rückzug. |
Von außen sieht das dann vielleicht aus wie Rückzug, wie Desinteresse oder Schwäche. Und schnell sind die Stimmen da – laut, sicher, urteilend: „Der muss einfach mal loslassen.“ „Die sollte endlich dankbar sein.“ „Andere haben es doch viel schwerer.“ Ich merke, wie weh es tut, wenn jemand, den man liebt, sich mit seinen eigenen Schatten abmüht – und kaum jemand wirklich hinsieht. Wie viel leichter es ist, zu bewerten, als zu verstehen. Wie viel lauter die „Ratschläge“ sind, als die leise Frage: Was steckt eigentlich dahinter? Denn hinter dem, was wir sehen, steckt oft ein uralter Mechanismus – das, was man Fight, Flight oder Freeze nennt. Das sind die Reaktionen unseres Nervensystems, wenn es sich bedroht fühlt. Nicht unbedingt von Gefahr im Außen, sondern von etwas, das sich innen gefährlich anfühlt: Scham, Ablehnung, Verlust, Ohnmacht. Ich kenne das Gefühl, wenn der Körper plötzlich die Regie übernimmt, obwohl "eigentlich" alles in Odrnung ist. Das unterliegt nicht unserer Kontrolle - und genau das kann einen Menschen sehr verunsichern. Fight heißt: Ich gehe in den Kampf. Ich diskutiere, verteidige mich, werde laut – nicht, weil ich böse bin, sondern weil ich Angst habe, dass meine Grenzen wieder nicht geachtet werden. Flight heißt: Ich gehe. Ich lenke mich ab, ziehe mich zurück, halte Distanz – nicht, weil mir der andere egal ist, sondern weil sich Nähe bedrohlich anfühlt. Freeze heißt: Ich erstarrte. Ich sage nichts, spüre wenig, funktioniere – nicht, weil mir alles gleichgültig ist, sondern weil ich zu viel fühle, um es zu zeigen. Das alles sind Versuche des Körpers, Sicherheit wiederherzustellen. Keine bewussten Entscheidungen, sondern alte Schutzstrategien, die einmal überlebens-notwendig waren – und sich heute einfach wieder melden, wenn es weh tut. Manchmal braucht es gar keine „Lösung“. Sondern nur den Raum, dass jemand da ist – ohne Urteil, ohne Etikett, ohne Angst vor der Tiefe. Vielleicht ist es das, was ich in dieser Woche wieder gelernt habe: Dass hinter Verhalten fast immer ein Versuch steckt, mit etwas Unerträglichem umzugehen. Und dass Heilung nicht damit beginnt, dass man alles versteht – sondern damit, dass man aufhört, zu bewerten. Vielleicht gibt es da draußen den Mann, der in Gesprächen schweigt, wenn es emotional wird. Oder die Frau, die ständig auf ihr Handy schaut. Oder den Menschen, der Distanz hält, um sich zu schützen. Und vielleicht hat jeder von ihnen gerade alles in sich aufgeboten, um überhaupt hier zu sein. Bevor du also das nächste Mal urteilst, frag dich: 👉 Wie lange kämpft dieser Mensch schon, ohne zusammenzubrechen? 👉 Was kostet es ihn, jeden Tag zu funktionieren? 👉 Und was, wenn es gar nicht um dich geht – sondern um eine alte Wunde, die wieder aufreißt? Ich glaube, wir brauchen mehr Mitgefühl. Für andere – und auch für uns selbst. Herzlich Uta PS: Wenn du selbst das Gefühl kennst, immer stark zu sein – bis es irgendwann nicht mehr geht – dann kann Coaching helfen, diese alten Muster zu erkennen und neue Wege zu finden. |




Kommentare